May 15, 2005

Wehret den Zuständen-Wider das Vergessen! flugblatt zum 60. jahrestag der befreiung des kz-buchenwald

leider konnten wir uns auf diesen text nicht einigen, er wurde aber trotzdem verteilt ohne gruppenname darunter

Wehret den Zuständen - Wider das Vergessen

Am 10. April 2005 jährt sich zum 60.Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Was in diesem und anderen Lagern während der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, bedürfte eigentlich keiner Erklärung mehr. Dass es sich bei der planmäßigen Ermordung von Millionen von Juden, Behinderten, Sinti und Roma und unzähligen anderen Menschen, bei der Arisierung osteuropäischer Gebiete und bei den anderen Gräueltaten der Deutschen um das Grausamste handelt, was Menschen jemals anderen Menschen angetan haben, sollte eigentlich als Selbstverständlichkeit angesehen werden. Die genaue Zahl der Opfer spielt keine Rolle, um sie zu feilschen, wäre ein Akt der Barbarei. Es gilt nun, auch 60 Jahre später noch, dafür Sorge zu tragen, dass sich dergleichen nicht wiederhohle.

Nach einem Satz des Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno wäre die Vergangenheit erst dann bewältigt, wenn ihre Ursachen beseitigt sind. Es ist notwendig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Ursachen für die Shoa keineswegs beseitigt sind, dass sie nach wie vor weiter existieren. Die Wahlerfolge der NPD und DVU in Sachsen und Brandenburg stellen hierbei nur die Spitze des Eisberges dar. In ganz Europa bekommen antisemitische und faschistische Strömungen enormen Zulauf. Von den Zuständen im arabischen Raum ganz zu schweigen. In Deutschland ist die Situation besonders fatal, da der kollektive Massenwahn, der zur Shoa führte, niemals wirklich beseitigt wurde. Die Demokratisierung nach dem 2.Weltkrieg durch die Alliierten war nur oberflächlicher Natur, die, wenn überhaupt, nur in Zeiten des Wirtschaftswunders und allgemeinen Wohlstandes bereitwillig angenommen wurde. Daher ist es kein Zufall, dass heute, in Zeiten der wirtschaftlichen Regression, der demokratische Schleier vieler Deutscher mehr und mehr fällt. In diesem Zusammenhang bekommt auch der unsägliche Ausdruck des „Protestwählers“ für den Anhänger faschistischer Parteien eine ganz neue, wenn auch grausige Bedeutung. Denn in gewissem Sinne ist die Abkehr eines Menschen von der Demokratie zum Faschismus tatsächlich eine Art Protest, wenn er sowieso nie wirklich demokratisch eingestellt war, und nun aus „Protest“ nicht mehr so tut, als wäre er es. Und deswegen offenbart der eigentlich verharmlosende Begriff des „Protestwählers“, freilich ohne es zu wollen, wie düster es mit der Demokratie in Deutschland bestellt ist.

Grundvoraussetzung für jegliches Handeln zur Verhinderung einer Wiederholung dessen, was geschehen ist, ist die Erinnerung. Für die einen ist die Bewusstmachung der Grauen des Nationalsozialismus eine Triebfeder zur Bekämpfung faschistischen und antisemitischen Gedankenguts, für andere ist es Anlass, etwaige reaktionäre Positionen zu überdenken, welche in letzter Konsequenz in die Vernichtung führen müssen. Nicht nur aus diesem Grund ist das Gedenken an die Gräuel der Nazis von allergrößter Wichtigkeit. Doch nicht einmal dazu ist man hierzulande bereit bzw. fähig. Zwar ist die Schlussstrichforderung keine offizielle Staatspolitik mehr, zwar finden regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, aber eine wirkliche Auseinandersetzung wird damit nicht geleistet. Statt den Nationalsozialismus als ein exklusiv deutsches Projekt zu betrachten, dessen Ursachen in einer zutiefst reaktionären Geisteshaltung der deutschen Bevölkerung liegt, wird er auf ökonomische Ursachen, wie der Unzufriedenheit Vieler durch den Versailler Vertrag, reduziert. Statt die damaligen Nazigrößen schlicht als Unmenschen und Massenmörder zu begreifen, wird sich in unzähligen Guido Knopp-Reihen mit ihrer missratenen Kindheit und ihren Familienproblemen auseinandergesetzt. Und statt die Shoa als mit Abstand größtes Verbrechen in der Geschichte der Menschheit anzusehen, wird das Gedenken an sie auf makaberste Weise mit allen möglichen anderen Ereignissen in der Geschichte vermischt. Sei es die Sklaverei in Amerika oder die Unterdrückung der Aboriginies durch die Briten, überall werden die unangebrachtsten Vergleiche angestellt. Nun waren all diese Ereignisse natürlich unentschuldbare Verbrechen. Doch der Vergleich zwischen ihnen und der Shoa, wie er immer wieder, mal offen, mal versteckt, aus allen Kreisen der Gesellschaft vorgetragen wird, ist nicht nur relativierend, sondern nivellierend. Denn dadurch gerät das spezifische Grauen der deutschen Verbrechen in Vergessenheit, und in Verbindung mit den trotzdem mit aller Verbissenheit durchgeführten Gedenkveranstaltungen, an denen nicht wirklich erinnert wird, verschafft sich das Gefühl einer fast beglichenen Schuld Bahn. Die deutsche Tat, sie wurde und wird nicht aufgearbeitet, sondern abgearbeitet. Die Vergangenheit wird vergessen, indem ihrer gedacht wird. Und mehr noch. Es wird ein moralischer Gewinn aus dieser Handlung gezogen. Denn nachdem erst einmal der Respekt vor diesen unglaublichen Geschehnissen gewichen ist, nachdem die Taten der Nazis als nur unwesentlich schlimmer als die anderer betrachtet werden, stellt das viele Gedenken an die Shoa nicht mehr eine notwendige Handlung dar, sondern eine Demonstration deutscher Vernunft und Menschlichkeit.
Am perfidesten ist es, wenn dieser Trick in bezug auf die Reaktionen des europäischen Auslands angewandt wird. Wenn Peter Glotz in seinem Buch „Die Vertreibung“ die Umsiedlungen der Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2.Weltkrieg mit den Verbrechen von SS und Wehrmacht während desselben auf eine Stufe stellt, wenn Jörg Friedrich den alliierten „Bombenterror“ genauso verachtet wie den deutschen, wenn Martin Hohmann das jüdische genau wie das deutsche Volk zu Tätern erklären würde, und sie alle den ehemaligen Feinden die Hand zur Versöhnung reichen wollen, dann spiegelt dies zwar den hierzulande üblichen Umgang mit dem 2. Weltkrieg wieder, ist aber letztlich nichts weiter als eine makabere Verhöhnung der Opfer des deutschen Faschismus. Und da dieses Versöhnungsangebot glücklicherweise in vielen Fällen nicht aufgegriffen wird, stellen sich die Adressaten als rachsüchtig und nachtragend dar. Deutschland tut doch alles, um die Geschichte zu überwinden, es werden Bücher geschrieben, Guido Knopp Filme gedreht und alles Erdenkliche gegen Neonazis getan, wo liegt also das Problem?

Wie die Maßnahmen gegen Neonazis aussehen, ist im Übrigen auch sehr bezeichnend, fällt dem Gesetzgeber doch entgegen aller Beteuerungen nichts besseres ein, als Gesetze zu verschärfen, und Grundrechte einzuschränken. Intellektuell hat man gegen NPD und Co. in Wirklichkeit auch nicht sehr viel in der Hand. So sorgte zwar die im sächsischen Landtag sitzende NPD Anfang diesen Jahres mit dem Formulierung vom „alliierten Bombenholocaust von Dresden“ für einen Eklat, wohingegen die wenigsten ein Problem mit ebendieser hatten, als sie im Jahr 2002 in Jörg Friedrichs Buch „Der Brand“ vorkam. Auch davon abgesehen ist von der propagierten und zelebrierten Distanzierung des neuen Deutschlands von seinen neuen Nazis nicht viel zu halten. Während ständig aus allen Kreisen dieses Landes ein „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“ zu vernehmen ist, bekommen Antisemiten wie Hohmann oder Möllemann aus eben diesen Kreisen klammheimlichen bis offenen Zuspruch, wird den ehemaligen Zwangsarbeitern aus den deutschen Konzentrationslagern die Entschädigung verwehrt, sind auch heute noch Bundeswehrkasernen nach Nazigenerälen benannt. Während alle aus der Geschichte gelernt und mehr als genug Abbitte geleistet haben wollen, finanzierte Deutschland in der EU jahrelang die palästinensische Autonomiebehörde, obwohl bekannt war, dass diese Gelder teilweise an Terroristenorganisationen wie die Hamas weitergeleitet worden waren. Überhaupt ist der Umgang mit dem Staate Israel, welcher eine direkte Konsequenz aus dem deutschen Vernichtungsprojekt darstellt, alles andere als antifaschistisch. Dieser Staat, der die Emanzipation der Juden vom tätlichen Antisemitismus darstellen sollte, wird auch und gerade in Deutschland ständig verbal attackiert, mit allen möglichen haarsträubenden Vorwürfen überzogen oder es wird gleich seine Existenzberechtigung geleugnet. Israel führe einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser, was Israel tut, sei genauso schlimm, wie das, was die Deutschen früher taten, Israel schüre gar den Antisemitismus auf der Welt, ist der öffentliche Tenor nicht nur der Neonazis. Und auch hier offenbart sich wieder der eigentliche Zweck deutscher Erinnerungspolitik. Indem man Israel, dessen Existenz allein permanent und erbarmungslos an die deutsche Shoa erinnert, verleumdet, wäscht man das kollektive Gewissen rein. Wenn die Taten der ehemaligen Opfer genauso schlimm sind wie die der Nazis es waren, dann haben sie den Deutschen nichts vorzuwerfen, sind die Deutschen jetzt wohl quitt mit ihnen.

In Anbetracht des beschriebenen Status quo hierzulande, gilt es ein erneutes Mal zu reflektieren. Es kann nicht darum gehen, bis zum Erbrechen eine Erinnerung zu zelebrieren, die letztlich doch nur dem Vergessen dient. Stattdessen ist es notwendig, permanent und kategorisch auf die reaktionären Zustände in Deutschland zu verweisen, in dem die Ursachen für das Vergangene keineswegs beseitigt sind. Es gilt, sich uneingeschränkt mit den Opfern der Nazis und ihren Befreiern zu solidarisieren, jede Verleumdung der Alliierten zu bekämpfen und den Staat Israel als Emanzipationsprojekt der überlebenden Jüdinnen und Juden zu verteidigen. Dies ist eine Grundvoraussetzung für jeglichen Antifaschismus, der es ernst meint mit dem Versuch, das Vergangene aufzuarbeiten und daraus Konsequenzen zu ziehen. Nur dadurch kann ein erneutes Aufflammen des Grauens verhindert werden, damit sich nichts wiederhole, nichts ähnliches geschehe.

Erfurt, April 2005

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